Noch nie war Software-Entwickeln so einfach. Vibe-Coding macht quasi jeden zum Entwickler. Eine tolle Sache! …..???
Ähm. Nein. Erst mal ganz langsam…
Denn Entwickeln ist nur die halbe Miete bis hin zur professionellen Anwendung. Je nach Projekt nur 20% des Gesamtaufwandes…. Und das kann jemand, der noch nie professionell Software gebaut und betrieben hat, schlichtweg nicht wissen.
Ich bin durchaus ein Fan von Vibe-Coding, wenn
1) es um Prototypen geht
2) es hilft, Menschen für Technik zu begeistern
3) es assistierend von erfahrenen Entwicklern eingesetzt wird
4) stumpfe Tätigkeiten (z.B. Testfälle, Datenzugriffsklassen, usw.) ge-vibed werden
Aber sobald es in Richtung Produktivbetrieb geht, sobald der Entwickler nicht die richtigen Prompts schreiben kann (weil er nicht mal weiß, wonach er fragen oder worauf er aufpassen muss), sobald autonome Agenten für Deployments verantwortlich sind, da muss man eine klare Grenze ziehen.
Erst kürzlich durfte ich ein total faszinierendes Vibe-Coding Projekt begutachten. Wirklich begeisternd. Ich würde sagen, in der „alten Welt“ ca. 200 Manntage, in der „neuen“ Welt in etwa 50. Bis kurz vor die Produktivsetzung – und dann wurde es gefährlich. Aus Datenschutz, Cybersecurity, Ausfallsicherheitsgründen hätte man sofort den Stecker ziehen müssen, zum Glück hat man das vorher mal ansehen lassen.
Ich sage definitiv nicht, dass „früher alles besser“ war. Aber ich bin Informatiker, liebe diesen Beruf und sehe die Fallstricke, die auf die neue Generation „Vibe-Coder“ zukommen.
Deshalb brauchen wir einen „Vibe-Coding-Führerschein“, der die neue und die „alte“ Welt verbindet. Denn ich sehe das Potenzial, mit Vibe-Coding schneller Anwendungen zu realisieren – und in Verbindung mit Erfahrung, Sollbruchstellen, Basics im Software-Engineering, können daraus eine Menge Lösungen entstehen, die dann tatsächlich auch produktiv betreibbar sind.
Im Sommersemester geht’s los. Da werden wir die erste Programmiervorlesung Vibe-Coden – aber mit dem entsprechenden Unterbau, so dass am Ende betreibbare, wartbare, nachhaltige Lösungen entstehen. Und wenn’s gut läuft, kann bald jeder bei uns den Führerschein machen…
Bis dahin kann ich nur jedem raten: probieren Sie gerne alles aus, aber unterschätzen Sie auf keinen Fall die Folgen. Gerade in der heutigen Zeit sind Cybersecurity, Stabilität, Souveränität für jede Art von Anwendung wichtig. Und ich möchte nicht, dass ausgerechnet Ihnen Ihre Anwendung um die Ohren fliegt.